Heutzutage gewinnen die Beziehungen zwischen dem deutschen und dem ukrainischen Volk in den Bereichen Diplomatie, Wirtschaft und Kultur zunehmend an Bedeutung. Die Ukraine bewegt sich in Richtung einer beschleunigten europäischen Integration, während Deutschland eine führende Rolle in den westeuropäischen Beziehungen spielt und einen zentralen Platz in der Europäischen Union einnimmt.
Einige behaupten, dass die Mentalität eine unveränderliche Konstante sei, geprägt durch eine jahrhundertelange Geschichte und quasi mit der Muttermilch überliefert. Andere wiederum sind der Meinung, dass sie veränderbar ist, was jedoch mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen würde.
Heute möchte ich, liebe Leserinnen und Leser, meine subjektive Sichtweise mit Ihnen teilen, die ich nach fast drei Jahren Leben in Deutschland gewonnen habe. Ich werde Ihnen von einigen Besonderheiten der ukrainischen und deutschen Mentalität erzählen.
Zeitmanagement und Bürokratie
Die Deutschen sind weltweit für ihre Bürokratie und Ordnung bekannt. Ob Restaurantbesuche oder Arzttermine – alles muss Wochen oder sogar Monate im Voraus geplant werden.
Für Ukrainer ist ein solcher Rhythmus ungewohnt und erscheint oft seltsam. Beispielsweise haben bei uns viele Geschäfte und Apotheken rund um die Uhr geöffnet. Termine beim Arzt können problemlos für den nächsten oder sogar denselben Tag vereinbart werden, insbesondere in Notfällen. Auch das Bankensystem ist sehr effizient: Es ist möglich, innerhalb eines Tages eine Bankkarte samt Online-Banking-Zugang zu beantragen und zu erhalten.

Ukrainer sind es nicht gewohnt, ihr Leben ein halbes oder ein ganzes Jahr im Voraus zu planen. Aufgrund des aktiven Lebensrhythmus und der Möglichkeit, Dienstleistungen kurzfristig zu erhalten, besteht einfach keine Notwendigkeit dafür. Daher begegnen unsere Landsleute den zahlreichen Papierangelegenheiten in Deutschland oft mit Ungeduld.
Förmlichkeit
In Deutschland ist es üblich, Personen mit ihrem Nachnamen und gegebenenfalls einem Titel anzusprechen, bis eine Erlaubnis zum Übergang auf den Vornamen erteilt wird. Dies gilt als Zeichen des Respekts. Gleichzeitig ist es hier durchaus normal, viele Kollegen, ältere Personen oder Vorgesetzte mit „du“ anzusprechen. Diese Ungezwungenheit wird in der deutschen Kultur als selbstverständlich angesehen.
In der Ukraine hingegen ist ein Mitarbeiter verpflichtet, eine Person mit höherem Status stets mit „Sie“ anzureden. Eine Ausnahme bildet nur der Fall, dass die Personen ein ähnliches Alter haben oder die andere Person den Übergang zum „du“ selbst vorschlägt. Zudem gibt es in der ukrainischen Etikette die Regel, dass Jugendliche ab 14 Jahren mit „Sie“ angesprochen werden müssen. In Bildungseinrichtungen wird darauf großer Wert gelegt. In manchen westukrainischen Familien sprechen Kinder sogar ihre Eltern mit „Sie“ an, um Respekt zu zeigen.
Für mich als Ukrainerin war es anfangs schwierig, mich an die teils lockere Anrede in der deutschen Kultur zu gewöhnen. Oft will ich automatisch „Sie“ sagen. Ich habe jedoch eine optimale Lösung gefunden: In E-Mails schreibe ich meinen Vorgesetzten mit einem großgeschriebenen „Du“ an, um zumindest auf diese Weise meinen Respekt auszudrücken.
Essen und Feiertage
Nach meinen Beobachtungen kochen viele meiner deutschen Kollegen zu Hause kaum und greifen stattdessen auf Fertiggerichte oder bestellte Speisen zurück. Dies spiegelt sich auch in der Feierkultur wider. Geburtstage und traditionelle Feste werden oft mit Tiefkühlprodukten, Lieferservice oder im Restaurant gefeiert.
Trotz des aktiven Lebensrhythmus bevorzugen Ukrainer hausgemachte Speisen. Natürlich gibt es auch bei uns Menschen, die auf fertige Gerichte zurückgreifen, aber ihr Anteil ist gering. Ähnlich verhält es sich bei Festen. Die meisten Familien bewahren die Tradition, selbstgemachte Osterkuchen und Kutja zuzubereiten oder gemeinsam den berühmten Olivier-Salat für Silvester zu schneiden. Das Kochen ist ein unverzichtbarer Teil des Feierns und stellt quasi den Beginn der Festlichkeit dar.

Auch die finanzielle Herangehensweise an Geburtstagsfeiern unterscheidet sich deutlich. In Deutschland zahlt in der Regel jeder Gast seinen Anteil selbst oder leistet einen Beitrag zu den Gesamtkosten. In der Ukraine hingegen übernimmt das Geburtstagskind alle Kosten und bewirtet die Gäste auf eigene Rechnung.
Mülltrennung
Der Umweltschutz genießt in Deutschland höchste Priorität. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Mülltrennung, die in sechs Kategorien erfolgt: Plastik, Glas, Papier, Bioabfall, Kleidung und Restmüll. Auch Elektronik wird separat in speziellen Annahmestellen oder Supermärkten abgegeben.

Leider gibt es in der Ukraine keine so klare Trennung. Meist werden nur Papier, Glas- und Plastikflaschen getrennt. Daher sollten sich Ukrainer ein Beispiel an der vorbildlichen Mülltrennung der Deutschen nehmen. Persönlich bin ich der deutschen Regierung für den achtsamen Umgang mit der Natur sehr dankbar.
Sprachliche Besonderheiten und kulturelle Ausdrücke
Die deutsche Sprache umfasst laut Duden etwa 300.000 bis 500.000 Wörter. Im Alltag verwenden die Deutschen gerne Redewendungen, Idiome und Sprichwörter. Einige Wörter haben eine übertragene Bedeutung. Zum Beispiel bedeutet das Wort „Drachenfutter“ wörtlich „Futter für den Drachen“, aber tatsächlich steht es für „ein Geschenk, um eine Frau nach einem Streit zu besänftigen“.
Andere Wörter im Deutschen entstehen logisch aus einem gemeinsamen Wortstamm. Zum Beispiel leiten sich von „Hose“ Wörter wie kurze Hose, Kniehose, Strumpfhose und Unterhose ab.
Die moderne ukrainische Sprache zählt etwa 250.000-300.000 Wörter. Einige davon ähneln den deutschen. Zum Beispiel „Яблуко від яблуні недалеко падає“ (Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm) oder das Gefühl „метелики в животі“ (Schmetterlinge im Bauch) bei Verliebten.
Kirchen- und Regensteuer
Das deutsche Steuersystem ist recht komplex und unterscheidet sich stark vom ukrainischen. Alle Steuerzahler werden in Steuerklassen eingeteilt, die die Höhe der Abzüge bestimmen. Neben den regulären Steuern gibt es auch die Kirchensteuer, die separat bezahlt wird. Interessanterweise müssen Bürger in einigen Regionen auch eine sogenannte Regensteuer entrichten – eine Abgabe für die Nutzung der Regenwasserkanalisation.

Das ukrainische Steuersystem ist einfacher. Einige Änderungen wurden während des Krieges eingeführt. Stand 2025 beträgt die Einkommenssteuer 18 %, die einheitliche Sozialabgabe 22 % und die Militärabgabe 5 %.
Europäische Werte und das dritte Geschlecht
In Deutschland werden schon seit Langem intensive Diskussionen über Geschlechtsidentität und die Gleichberechtigung der LGBTQ-Community geführt. Themen wie Rassen- und Geschlechterdiskriminierung werden hier offen angesprochen und verteidigt. Das dritte Geschlecht wurde 2018 gesetzlich anerkannt. Bei der Ausfüllung von Bewerbungsformularen für Arbeit, Studium oder sogar bei Arztbesuchen kann man oft die Wahl zwischen drei Optionen sehen: w/m/d (weiblich/männlich/divers).
Die ukrainische Gesellschaft bewegt sich allmählich in Richtung Akzeptanz von Geschlechtsidentitäten, allerdings werden solche Themen noch vorsichtig diskutiert. Auch bei uns gibt es Pride-Veranstaltungen und LGBTQ-Paraden. Zur Unterstützung der Community wurde eines der bekanntesten historischen Denkmäler in Kiew, der Bogen der Völkerfreundschaft, in Regenbogenfarben beleuchtet.
Diese Offenheit der deutschen Gesellschaft, Stereotypen zu überwinden, erfüllt mich mit Respekt. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch das Recht hat, sich selbst zu finden, seine Individualität zu entdecken und sie frei zu zeigen. Unabhängig von Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder anderen Merkmalen sind wir alle gleich vor dem Gesetz, vor Gott und vor der Gesellschaft.

Die oben genannten Punkte sind nur die Spitze des Eisbergs der Unterschiede, die sofort ins Auge fallen. Diese Liste könnte endlos fortgesetzt werden. Man könnte zum Beispiel die deutsche Bußgeldregelung, den „Ruhetag“ an jedem Sonntag oder die obligatorische Krankenversicherung erwähnen. Gleichzeitig zeichnen sich die Ukraine durch ihre ausgeprägte Beauty-Industrie, die Gastronomie und unsere herzliche Art im Umgang miteinander aus.
Kultur ist ein lebendiger und dynamischer Prozess, in dem jeder von uns seine einzigartige Spur hinterlässt und neue Brücken des Verständnisses zwischen den Völkern baut. Also lasst uns das Beste aus jeder Kultur schöpfen und gemeinsam das Leben für uns selbst und für andere verbessern!
Schreibt in die Kommentare, was euch dazu noch eingefallen ist. Womit könnte diese Liste ergänzt werden? Es wäre auch interessant zu erfahren, was Deutsche, die mit Ukrainern in Kontakt stehen, über uns denken. Was erscheint euch an uns besonders oder ungewöhnlich?